Forschungsstelle Für
Gestaltung
JOHANNES ERNST SEIFFERT
Vom Arbeiten und vom Warten
Hinweise und Fragen
Seite 2
Der Vormittag als Zeit des Arbeitens. -Zur Umwalzung der Lebensweise I-
Das biographieausfüllende Arbeiten soll als die erst notwendige Umwälzung der Lebensweise bestimmt werden. Es wäre ja möglich, diesen Bestimmungsvor gang von einer vor- und umsichtigen Analyse des der zeitigen Geschichtsganges aus zu untersuchen. Auch diese Art der Bestimmung ist nämlich verständi gungsnotwendig. Dennoch muß betont werden: Was uns halten, hüten kann, ist allein unsere weitestge spannte Notwendigkeit und unser tiefstes Müssen. Wo solches sich nicht regt, wird es auch kein Arbeiten geben.
Der erste Zugang zu gedanklichem Arbeiten ist für nicht wenige junge Menschen ein existenzphilosophi scher. Ich werfe mir vor, diese Tatsache nicht sorgfäl tig genug bedacht zu haben, nicht eruiert zu haben, was dahinter steckt, wie weit das trägt und wie weit nicht. So muß unsereiner auch als Lehrender immer noch einmal »nachsitzen«... In der ersten Seminar sitzung des Wintersemesters I95I/52 hatte ich näm lich Heideggers Äußerung gehört: »Ich bin kein Existenzphilosoph.« Dieser autoritative und zutref fende Anspruch rechtfertigt nicht, daß ich als be geistert-übereifriger Heidegger-Schüler fortan die Existenzphilosophie mit ganz unangebrachter leiser Verachtung ignorierte. Sie ist existentiell und somit auch didaktisch relevant und folglich nicht zu über springen.
Fragte mich jemand nach dem meines Erachtens be sten Zugang zur Philosophie, insofern diese das Abendland und die globale Zivilisation geprägt hat, so würde ich beim jetzigen Stand meiner Kenntnis die Rowohlt-Monographie » Sokrates « von Gottfried Martin angeben. Es dürfte schwierig sein, einen bes seren Einstieg zu finden. Wie aber nun, wenn mich jemand nach dem besten Einstieg in die Existenzphi losophie fragte? - Nach einer Pause des Überlegens würde ich vielleicht die Rowohlt-Monographie »Al bert Camus« von Morvan Lebesque angeben. Daraus wäre tunlichst zuerst der erste Absatz auf S.I53 zu lesen; er handelt von der ersten Sorge des Arbeitenden:
Über seine Arbeitsweise gibt Camus selber Auskunft. Er arbeitete stehend [...]. Arbeitet er regelmäßig? »Wenn alles gut geht, vier oder fünf Stunden zu Be ginn jedes Tages.« Fühlt er sich schuldig, wenn er die Arbeit auf den nächsten Tag verschiebt ? »Ja. [. . .] Ich bin unzufrieden mit mir. [.. .] In der [...] physischen Schlaffheit habe ich nie etwas Gültiges geschaffen.« Der »Stundenplan« war seine ständige Sorge.
Diese Monographie scheint mir überdies in verant wortlicher Weise über die Grenzen der Existenzphi losophie hinauszuführen. Als nächsten Schritt könnte ich das Buch »Existenzphilosophie« von Wolfgang Janke empfehlen.
Die Bedeutung der »Existenzphilosophie« läßt sich in dem lapidaren Satz umreißen: »Existenzphiloso phisch-sein« besagt, daß der Einzelne sich der Tatsa che stellt und sich auf sie stellt, daß er ein Einzelner ist, und daß es seine Aufgabe ist",er Selbsta zu werden. Durch diese Schule ist in der Tat zu gehen, soll etwas aus uns werden. Durch diese Schule hindurch - wo hin auch immer unser weiterer Weg uns führen wird. Denn der Arbeitende ist als solcher zunächst und je wieder ein Einzelner. Sogar das kostbare Glück einer Gemeinschaft von Einzelnen hebt das »ein Einzelner sein« nicht auf.
Der sich als solcher erfahren Habende, von dieser sei ner Einzelnseinserfahrung Durchdrungene stellt sich gerade nicht in jenen parvenühaften, dümmlichen und lächerlichen Gegensatz eines »Sich-abständig verhaltens« zur Masse, wird allerdings auch diese nicht idealisieren und sich ihr nicht anbiedern. Viel mehr: Untergründig kommuniziert er mit ihr; dies aber wissend, sucht er sich transparent zu halten, ihre Schwingungen zu empfangen. Sofern die Masse nicht zu einer mechanisierten, im weiten Sinn »verka belten « denaturiert ward, ist sie mit einem Da seinsgrundgefühl begabt, das sie etwas von einer All-Verbundenheit aller Wesen spüren läßt. Dieses Da seinsgrundgefühl kann sowohl in der Stille, der aller dings die Masse heutzutage sehr entfremdet ist, als auch in der Musik erfahren werden (vgl. z. B. »Freude schöner Götterfunken...«). Heutigentags reicht es leider meistens bloß bis zur Diskothek als ERSATZ .
Bislang kann ich das arbeitende Sichbefassen mit jener - dem Daseinsgrundgefühl der nicht vollständig me chanisierten Masse entsprechenden- Lebens-Meta physik als Postulat hinstellen, kaum schon beleh rende Hinweise für den Einstieg und Sichdurcharbei ten geben, mit der Ausnahme des einzigen Gustav Theodor Fechner. Geben kann ich Fragen wie etwa diese:
Wie steht es mit dem Verbundensein von Mensch und Baum, Baum und Mensch? - Von Menschen und Bäumen, Bäumen und Menschen ? Reden nur »spinnerte« Menschen zu Pflanzen und wildlebenden Tieren ? »Wer einen Baum streichelt, streichelt den Wald.« Besagt dieser Satz irgendetwas Zutreffendes ? Gibt es trotz der von Heidegger aufgewiesenen ab gründigen Differenz zwischen Klaue und Hand, Tierlaut und Wort so etwas wie ein geheimnisvolles Band zwischen Mensch und Tier, Tier und Mensch ? Warum rotten wir die Wale aus, anstatt mit ihnen in Verbindung zu treten ? - Zum Beispiel über die Mu sik ? - Welche Tiere reagieren wie auf welche Musik ? Warum ? -
Sehe ich es ohne Verblendetsein, daß in solchen Berei chen experimentell und gedanklich noch ungefähr al les zu leisten ist? - Zunächst einmal eine Änderung der Blickbahn von Wissenschaft und Philosophie ? - Solche Fragen habe ich hier einmal hereingebracht, um zu zeigen, wo vielleicht eine echte Ergänzung zum existenzphilosophischen Herangang liegen könnte. Einstweilen sei hier ein weiterer Hinweis zum arbei tenden Da-sein der »Vormittagsseele« gegeben. Seit I975 erscheint die Gesamtausgabe der schriftli chen Hinterlassenschaft Martin Heideggers. Mittler weile sind außer bereits von ihm selber publizierten Schriften viele Vorlesungen und einige Seminare von ihm erschienen. Der arbeitende Durchgang durch diese Vorlesungen und Seminare ermöglicht in völlig einzig dastehender Weise ein Studium gedanklichen Arbeitens, wie es vordem nicht möglich war. Mit der Heidegger-Gesamtausgabe hat sich eine völlig neue geistige, eine vielleicht allererst geistige Situation er geben. Dies steckt hinter den plumpen pseudopoli tischen Angriffen: dieser zum Umlernen des Um denkens auffordernde, gewisse Leute sehr verunsi chernde Situationswechsel. Seine Anmutung wird von den Lern-Unbereiten als unerträgliche Zumu tung empfunden (»narzißtische Kränkung...«).
Wenn ein solches Studium schon, abseits jeglicher offi zieller »Absegnung«, in der UdSSR und ihren Glacis ländern geschieht, also unter sehr erschwerten Bedin gungen, so sollte es erst recht hierzulande möglich sein, sollten sich hierzulande Mittel und Wege hierfür finden lassen. Der Vormittag steht, er braucht nur als Möglichkeit, als Zeit des Arbeitens, ergriffen zu wer den. Er kann aber nur von solchen ergriffen werden, die selber schon von dieser Möglichkeit ergriffen sind.
Der Vormittag als Zeit der hohen Kunst. - Zur Umwalzung der Lebensweise II -
Fünf Abende in der Woche sind sogenannte Feierabende, das besagt: Abende nach Werktagen. Dieje nige Kunst, die für solche Abende taugt, ist die soge nannte Kleinkunst. Also etwa Musikkneipe mit Fol klore und Rebetiko; einen Freitagabend im Monat, mindestens einen, ekstatisch singen und tanzen. Was an sogenannter ernster Kunst für den »Feierabend« produziert wird, taugt für den unverbindlichen bür gerlichen Kulturbetrieb, mit dem die sogenannte Öf fentlichkeit und die Privatmenschen einander in die Tasche lügen. »Die Zauberflöte« von Mozart und Schikaneder ist hohe Kunst, die im Gewande des Volksstücks daherkommt; sie stellt aber Verstehens anforderungen, welche die Kraft des Abends über steigen, und gehört deshalb auf den Vormittag. So die Musik von Johann Sebastian Bach; der Reihe nach (und jeweils wieder vom Beginn des Zyklus) gehören die Präludien und Fugen des Wohltemperierten Kla viers an den Beginn des Schultages, welcher Beginn dadurch die Chance erhält, zum Anfang zu geraten (vgl. Oskar Loerke, Hausfreunde).
So gehört auch Aischylos' »Prometheus gefesselt« in der Übersetzung Peter Handkes, Sophokles' »Ödi pus auf Kolonos« in der Übersetzung Dietrich Satt lers am Vormittag aufgeführt, ebenfalls Sophokles' »Antigone« in der Umdichtung Hölderlins mit der Musik von Carl Orff. Die originale »Antigone« des Sophokles bereitet derartige Verständnisschwierig keiten, daß ihr Verständnis nur in geduldig eindrin gender Textinterpretation mit der Hilfe der vormittäglichen Gestimmtheit und Vollkraft von uns Men schen dieser Zeit erarbeitet werden kann (vgl. M. Heidegger, Hölderlins Hymne >Der Ister<, GA Bd. 53; R.Bultmann, Glauben und Verstehen, Bd.II). Es hängt aber derartig viel, nämlich ein gut Teil Schicksal des Abendlandes (und darüber hinaus) an diesem Sicheinarbeiten ins Verstehen von »Anti gone«, daß dieses Sichmühen in der Tat gefordert werden muß.
Solche Forderung aber stößt an die Struktur der heute vorherrschenden Daseins- und Mitseinsverfassung, des heute vorherrschenden In-der-(Un-)Welt-seins, nämlich des derzeitigen Industriesystems, wo der Vormittag »der Arbeit« gehört. Hieran hat Friedrich Nietzsche bereits vor über hundert Jahren die ent scheidende Kritik geübt (Der Wanderer und sein Schatten, Aph. Nr. I70: »Die Kunst in der Zeit der Arbeit«). DieterJähnig hat sie erst ausgraben und ak tualisieren müssen, damit sie uns erreicht (Welt-Ge schichte: Kunst-Geschichte, I975). Geschieht dies aber, so werden wir sehr nachdenklich.
Die Kunst Cezannes verlangt wenigstens einmal im Jahr eine Woche lang den Vormittag in der Ausstel lung, im Museum. Uns Menschen des Industriesy stems ziemt, davon auszugehen, daß uns Hören und Sehen immer schon »vergangen sind«, genau gesagt: sich nicht zu ihrer Vollkraft entfalten konnten - daß wir hinsichtlich dessen nur arbeitend, als Arbeitende im Arbeiten, Durchbrüche zuwege bringen können. Ein Klavierstück von Mozart hört sich anders, ganz frisch und neu an, wird es im Anschluß an Stücke von Schönberg, Webern und Berg gehört. Mit »klassi schen« Gemälden mag es sich analog verhalten. Voll ends ist der Umgang mit Raum und Skulptur erst zu lernen. Wie für das Arbeiten überhaupt, so ist auch fürs Aufnehmen der Kunst der Werktagvormittag er fordert (und nicht das Wochenende als Zeit abge schlaffter »Reproduktion der Arbeitskraft«).
Der Bevölkerungsanteil derer, die Werktagvormit tage für das hier skizzierte Neubeginnen frei halten können, ist mittlerweile beträchtlich. Aber die in nere Versklavung ans Industriesystem - das, was Nietzsche »das Gewissen eines arbeitsamen Zeital ters« nennt- hindert die längst Freigestellten daran. Schüler, Studenten, joblose Akademiker, Haus frauen, Rentner und Pensionäre haben sich noch nicht als Arbeitende gefunden und zusammengefun den. Der Vormittag als Möglichkeit hat sie noch nicht erreicht.
Transformation des Gesamtzusammenhangs. -Zur Umwalzung der Lebensweise III -
Der Gesamtzusammenhang ist durch »die Arbeit« in ihrer hypertrophen Verallgemeinerung konstituiert. Joseph Beuys hat einen erweiterten Kunstbegriff und die Transformation des durch »die Arbeit« konstitu ierten Gesamtzusammenhangs in den durch » die Kunst« konstituierten gefordert und in Angriff ge nommen. Aus der Verallgemeinerung »der Arbeit« zum Konstitutivum des Gesamtzusammenhangs er gibt sich die Okkupation des menschlichen Wesens durch, wie Nietzsche unübertrefflich formulierte, »die unrichtige Empfindung«. Diese führt dazu, daß das Da-sein als Welt- und Selbstumgang beinahe alles falsch macht, d.i. seine und der Nachkommen Lebensmöglichkeiten untergrabend-verwüstend an greift. Nötig ist die unterbrechende Still-Legung dieser Raserei. In dem Kollegteil »Nietzsches Kritik der unrichtigen Empfindung oder der Anspruch der Kunst auf den Werktagvormittag« wurde gesagt:
Diese Kontinuitätsunterbrechung kraft (der hölder linschen) »Revolution der Gesinnungen und Vorstel lungsarten« war und ist die gemeinsame Sache zweier Strömungen: der Jugend-in-Bewegung und des Den kens. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, daß nicht Atomphysik und Molekularbiologie, sondern das im weiten Sinne M(o)usische zur gewaltlosen Führungs macht des Daseins berufen ist.
Und wir zitieren Jähnig:
Die große Kunst ist in dem, was sie sagt, und das heißt: in der Weise, wie sie spricht, und das wiederum heißt: in der Verfassung, die gewonnen werden muß, eine Alternative zu dem neuzeitlich-modernen »Arbeits «-Willen.
Dem füge ich die Forderung an, den Werktagvormittag dem arbeitenden Umgang mit Gedicht, Gedanke, Werk der Kunst zu widmen:
Die heroische Anstrengung vieler Einzelner ist erfor dert, und dann, vonseiten Bewiesener, die heroische Forderung an die Masse.
Sie ist allerdings im Namen Joseph Beuys' zu stellen. Gefordert ist also zweierlei.
Einerseits eine Kontinuität ( ! ) der Arbeitenden, d. i. zu allererst Verehrenden und Dienenden, hierdurch das Fassen der Sinn-Überfülle im Da-sein, und diese Kontinuität in Ausdauer angesichts drohenden, durch » die « - uni versalisierte- »Arbeit« fabrizierten Umkommens.
Andererseits: eine Änderung im Wesen des Sich-universalisieren den selber. Letzteres darf nicht länger »die Arbeit«
Dies wurde begründet u. a. mit der Produktion einer gänzlich anderen »Überfülle«, nämlich derjenigen von Umkommensmitteln. Allein schon die » zeit bomben«artige Auswirkung der Emissionen, in den achtziger Jahren aus der lokalen in die großflächige gesteigert, verbietet »die Arbeit« als sich-universali sierende.
Haltestelle: Ein Topos der Verwandlung
Als Alternative zur generalisierten »Arbeit« des In dustriesystems wurde »das Arbeiten« skizziert. Aus geführt werden kann es nur von »den Arbeitenden«, d. i. von wenigen. Es handelt sich dabei, vorerst, nur um eine allerdings unerläßliche Abweichung. Die Alternative kann aber auch so lauten, und dies mag augenblicklich überraschend klingen: »Da-sein als In-der-Welt-sein, In-der-Welt-sein als Kunst. « Der Widerspruch zu »das Arbeiten« ist nur schein bar. Sehen wir des näheren zu.
»Da-sein als In-der-Welt-sein, In-der-Welt-sein als Kunst« läßt sich in einem Topos zusammenfassen. Das griechische Wort topos besagt: »Ort«. »Da-sein als In-der-Welt-sein, In-der-Welt-sein als Kunst« läßt sich zu einem »Ort« verdichten. Dieser ist dann nicht nur ein »Ort« im Sinn eines Gesprächspunktes (dies bedeutet nämlich topos in der Rhetorik, und dies ist unser »Ort« allerdings durchaus auch, die Unterredung ist geradezu zu suchen, ja »vom Zaun zu bre chen«). »Da-sein als In-der-Welt-sein, In-der-Welt sein als Kunst« ist dann zu einem »Ort in Welt«, im raumzeitlichen Eröffnungsspielraum verdichtet. Zu einem Welt allererst erschließenden »Ort«, den »es gibt « in und mit Weite und Nähe der Welt, ja der gera dezu als unsere »Möglichkeit« auf uns wartet. Ich spreche von der Haltestelle.
Die Haltestelle im Personentransportwesen ist ein »ausgezeichneter« Ort: derjenige nämlich, welcher »Möglichkeit« gibt, »Da-sein als In-der-Welt-sein, In-der-Welt-sein als Kunst« zu ver-stehen und aus zu-stehen. Denn zumeist stehen wir an der Halte stelle, anstatt zu sitzen (oder zu liegen), nur sind wir noch nicht von dem ergriffen und durchdrungen, was es besagt, zu stehen, und daß dies mit ver-stehen und aus-stehen zu tun hat.
Die Haltestelle ist Stelle des Einhaltens. Der Sinn der Haltestelle ist das Einhalten. Gewöhnlich ist man gewohnt, an der Haltestelle zu warten. Man mißversteht dann die Haltestelle als ein ordinäres Ding, an dem die ordinäre, eigentlich unan ständige Nichttätigkeit des Wartens mehr »nolens« als »volens« in Kauf genommen wird dafür, daß in absehbarer Zeit ein Verkehrsmittel daherkommen und einen mitnehmen wird. Wie aber der Sinn der Haltestelle ein ganz anderer ist, nämlich der, Stelle des Einhaltens zu sein, so ist auch der Sinn des War tens ein ganz anderer als der, die langweilige und gera dezu skandalös unproduktive Zeitspanne bis zum Eintreffen des Verkehrsmittels ab-zu-warten. Der Sinn und somit die Erfüllung des Wartens ist nicht das Eintreffen des Verkehrsmittels, sondern das Warten selber, und zwar als Warten auf - nichts.
Das Warten als »Warten auf nichts« zu ver-stehen und aus-zu-stehen ist etwas unerhört Befreiendes. Es be freit, begabt mit Freisein, zu An-kunft in jedem Sinn (nicht nur zu dem allzu arg eingeschränkten vom »Eintreffen des Verkehrsmittels«). Die hier ruhende Chance, Technik »meditativ« zu nehmen, enthält et was im guten Sinn Verlockendes. (Auch dazu, das Privatautomobil stehen zu lassen.)
An der Haltestelle komme ich bei mir und bei der Welt an. Die Haltestelle steht schon dort-: als Platz halter meiner Selbst. Denn die eigentliche Haltestelle - Stelle des Einhaltens - bin ja ich Selbst. Mich dünkt und mir denkt, daß die Arbeitenden auch diejenigen sein werden, die das wesentliche »Warten auf nichts« praktizieren: nicht bloß »an« der Halte stelle, sondern »als« Haltestelle. Hiermit sind wir noch nicht zur Ersetzung des Ge samtzusammenhangs »Arbeit« durch den Gesamt zusammenhang »Kunst« im Sinn des erweiterten Kunstbegriffs gelangt, haben jedoch etwas getan, was ein erster Schritt dorthin sein könnte.
Johannes Ernst Seiffert 1989