PMO Konzertkritik 22.5.2011




MZ Dienstag, 24. Mai 2011

Befreit aus der Anonymität

Konzert: „pro musica“ im Rathausfestsaal

Münster.
Eine alte Dame habe insgeheim die Solostimme wie einen Schatz gehütet, hatte Moderator Uwe Läsche erklärt. So blieb das Klarinettenkonzert g-Moll, op. 29, lange unaufgeführt, galt aber nicht als vermisstes Wunderopus. Sein Schöpfer, der Dresdner Hofkapellmeister Julius Rietz (1812-1877), war schon beizeiten aus den Annalen der Musikgeschichte verabschiedet worden.
Das gänzlich unbekannte Opus des am Rande restloser Anonymität balancierenden Komponisten erlebte jedoch nun seine fröhliche Wiederauferstehung – im Rathausfestsaal! Dort bot der Klarinettist Yoshias Weber mit dem vorzüglich begleitenden Orchester „pro musica“ unter Gerhard Wild eine vitale Interpretation des Stücks, dessen Virtuosität das Publikum zu Ovationen hinriss.
Klassische Dreisätzigkeit, klassischer Kopfsatz, klassischer Tonfall – Romantiker Rietz war ein konservativer Zeitgenosse. Die Vermeidungsstrategien seiner Musik, Dissonanzen harmonisch auszutricksen, parierte der Solist Weber mit präziser Attacke in der Tongebung und quirligen Skalen. Aber auch das mittlere „Adagio“ mit seinen sich theatralisch windenen Figurationen gelang dem Klarinettisten mit weichem, flexiblem Ton. Im Polacca-Finale demonstrierte Weber rhythmische Akkuratesse, d rehten Triller auf Skalenspitzen kokette P irouetten, bovor sie stolz in die Dur-Zielgerade einbogen. Auferstehung als gelungenes Experiment.
Mit Franz Schuberts „Ouvertüre im italienischen Stil“ hatte der Spätnachmittag begonnen. Südliches Brio und herbe Akzente bestimmten den Duktus der Interpretation. Die mechanischen Herzschläge der Pizzicato-Terzen im „Andante“ der Sinfonie Nr. 101 D-Dur („Die Uhr“) von Joseph Haydn pochten gleichmäßig. In der Durchführung des Kopfsatzes triumphierte blanker Übermut. Das Rondo-Finale behielt seine Virilität und Geschwindigkeit auch in jenen Passagen, die ganz in flotte Galanterie sich versteigen. Wild hielt mit präzieser Schlagtechnik alles im Lot: Hier tickte das klassische Prinzip in jedem Takt richtig. Herzlicher Beifall.
Günter Moseler