Das Backhaus als soziales Zentrum

Rede von Hans Kurth auf dem Workshop:
 
„Begegnungsstätten für Seniorinnen und Senioren – Standortbestimmung und Neuausrichtung“ (30. Januar 2013)
 
Im  Einladungsschreiben zu diesem Workshop heißt es:
„Die Begegnungsstätten für Seniorinnen und Senioren in Münster blicken auf eine lange Tradition zurück. Sie bilden vielfältige Treffpunkte im Stadtteil und eröffnen älteren Münsteranerinnen und Münsteranern die Möglichkeit, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben in der Gemeinschaft teilzuhaben.“
 
Diese Ziele verfolgt auch das Backhaus seit fast einem Vierteljahrhundert,  und deshalb nennen wir uns „Begegnungs- und Bildungsstätte im Kreuzviertel“. Wir wollen damit auf den gesellschaftlichen Aspekt (Begegnung), den kulturellen Aspekt (Bildungsstätte) und den lokalen Bezug (Kreuzviertel im weiten Sinne) hinweisen. Die Bildung dient bei uns der Begegnung bzw. dem Aufbau sozialer Beziehungen, die eindeutig im Vordergrund stehen.
 
Das Hauptproblem der bei weitem meisten Senioren ist nicht der Rollstuhl, ist nicht die kaputte Kniescheibe und das Rheuma, ist nicht die Mühsal, eine Treppe hoch zu kommen; das Hauptproblem ist der Verlust sozialer Beziehungen, die Einsamkeit, die genauso Menschen töten oder pflegebedürftig machen kann wie z.B. der regelmäßige Zigarettenkonsum. Und wenn jemand im Backhaus nicht die Treppe hinaufkommt, dann kommen wir herunter. Dann findet die Veranstaltung unten statt.
 
In Münster gibt es ca. 60 000 Senioren, davon sind laut Wikipedia ca. 10 % schwer behindert (die Hälfte von ihnen bettlägrig und direkt pflegebedürftig). Das heißt aber auch, das mindestens 90% ein aktives Leben führen können; aktiver, als sie es häufig tun. Da fühlen wir uns angesprochen, denn wir wollen in erster Linie aktivieren, nicht oder nur in geringerem Umfang betreuen. Die Betreuung können wir ohne professionelle Hilfe nicht oder nur in geringem Umfang leisten. Wir können nur dazu beitragen, dass möglichst viele Senioren möglichst lange ohne professionelle Hilfe zurechtkommen und ihr Leben möglichst lange selbst gestalten können.
 
Unser Slogan „Ein Haus für alle!“ steht für die Offenheit des Hauses nicht nur gegenüber allen sozialen Schichten, gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderungen, sondern auch für die langjährige Zusammenarbeit mit der Kreuzschule, der ESPA (Evangelische Sozialpädagogische Ausbildungsstätte), der Timmermeisterschule, dem Adolf-Kolping-Berufskolleg, der Fachhochschule und der Universität wie auch für die Offenheit neuen Ideen gegenüber. Inzwischen kommen gerade von der Fachhochschule und der Universität immer wieder Bitten um Zusammenarbeit auf uns zu, seien es Studierende, die Interviewpartner für ihre Abschlussarbeit brauchen, oder Seminarleiter, die ein intergeneratives  Projekt, z.B. eine Theaterstück oder ein Musical mit Senioren inszenieren wollen.
 
In dem Musical, das wir gemeinsam mit der Fachhochschule (mit 20 Studierenden unter der Leitung von Prof. Wickel und Ramona Geßler) mit viel Erfolg geschaffen und aufgeführt haben und auf das wir besonders stolz sind, heißt es:
Freundschaft ist  gut,
Veränderung braucht Mut!
 
Diese einfachen Sätze deuten das Ziel der zahlreichen Aktivitäten im Alten Backhaus an: Stabile soziale Beziehungen, möglichst Freundschaften, schaffen und fördern, um auf dieser sicheren Basis zu motivieren, zu aktivieren und Mut für den täglichen Überlebenskampf oder auch für notwendigen Veränderungen zu entwickeln.
(Verweis auf die Flyer)
 
Altern ist, wie wir ja wissen, nichts für Feiglinge!
 
Vor kurzem bekam ich von einem Vertreter der Stadt zu hören, wir seien eine „klassische Begegnungsstätte“. Darüber sind wir nach meiner Meinung inzwischen  hinausgewachsen!
Christoph Rott, Psychologe und Ko-Projektleiter der Heidelberger Hundertjährigen Studie, sagt laut Focus:
„Aktivität in jeder Hinsicht, Optimismus und Einbindung in die Gemeinschaft scheinen die zentralen Faktoren zu sein, die Menschen teilen, die sehr alt werden.“
Mit dem Alten Backhaus helfen wir uns und anderen.
 
Bei uns geht es in erster Linie nicht darum, Menschen mit zu viel Zeit eine mehr oder minder sinnvolle Beschäftigung zu bieten, sondern sie zu aktivieren, sie dazu zu bringen, sich neue Ziele zu setzen, sich Dinge zuzutrauen, die sie sich früher nie zugetraut haben. Es geht uns nicht nur darum, Kräfte zu erhalten oder zu verbessern, wie in der Seniorengymnastik oder beim Gedächtnistraining. Es geht auch darum, im Alter zum ersten Mal Englisch zu lernen oder Computer oder digitale Fotografie oder Acrylmalen oder Klavier zu spielen oder in einzelnen Fällen sogar mit einem Hausboot durch Frankreich zu fahren oder, was man sich nie zugetraut hat, bei einem Musical auch auf der Bühne mitzuwirken. Solche Erfahrungen fördern den Optimismus,  können  Altersdepressionen vorbeugen. Viele Senioren wollen sich nicht oder noch nicht als Betreuungsobjekte sehen.
Es geht darum, sich mehr zuzutrauen, das Alter als besonderen Freiraum zu begreifen, in dem man sich neu erfinden kann.
 
Der Hintergrund zu diesem Mut zur eigenen Veränderung und Weiterentwicklung, entsteht aus festen sozialen Beziehungen, aus dem sicheren Gefühl heraus, unter Freunden zu sein und Verständnis zu finden. Im Backhaus arbeiten nur Ehrenamtliche (ohne jede Entschädigung oder Vergütung). Jeder weiß, dass jede Zuwendung, die er erhält, und jede Dienstleistung, auf die er vielleicht angewiesen ist, auf  Sympathie basiert, und das wiederum erzeugt Sympathie. Das ganze Backhaus gleicht  einer  großen Selbsthilfegruppe.
 Dies zeigt sich z.B., wenn in den häufig langjährigen Kursen jemand fehlt. Normalerweise wird der Verbleib geklärt und werden Hilfemöglichkeiten sofort besprochen.
Das Beispiel Backhaus zeigt nicht, dass „Professionelle“ überflüssig sind. Erstens gibt es im Backhaus viele „professionell Arbeitende“, denn die pensionierten Lehrerinnen, ehemaligen Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen haben ja nicht alle ihre Kenntnisse verloren, sondern eher noch an Lebens- und Berufserfahrung gewonnen. Zweitens kennen wir genau unsere Grenzen und wissen, wann wir um professionelle Hilfe bitten müssen. Das Backhaus zeigt nur, wie viel  bei viel Engagement mit relativ wenig Geld möglich ist.
 
Das Backhaus ist ein soziales Zentrum nicht nur für die 72 ehrenamtlichen Mitarbeiter, deren Zahl sich in den letzten 6 Jahren verdoppelt hat, nicht nur für die ca. 250 regelmäßigen Besucher, nicht nur für unsere Partnerschulen und befreundeten Organisationen, sondern auch für viele Menschen im Umkreis. Wir ermöglichen z.B. zahlreichen gemeinnützigen Vereinen und Gruppen, abends unsere Räumlichkeiten gegen eine geringe Kostenbeteiligung zu nutzen. Hier kann die alleinstehende ältere Dame ihren 70sten Geburtstag feiern, und auch manche Kindstaufe wurde hier gebührend gewürdigt, hier tagt die Deutsch-Französische Gesellschaft und der Kleingartenverein, hier führt die Musiklehrerin den Eltern ihrer Eleven vor, was diese gelernt haben, und erwachsene Musiker können hier am Saxophon und Klavier bei geschlossenem Fenster üben, ohne andere zu stören. Als Gegenleistung treten sie beim jährlichen Sommerfest oder bei der Adventsfeier des Alten Backhauses auf.
 
Hier treffen sich die Angehörigen von an Alzheimer Erkrankten und die Tagesmütter mit ihren Kleinkindern, und wenn das Landeskrankenhaus uns bittet, kümmern wir uns auch um die soziale Integration ehemals psychisch Kranker.
 
Das Backhaus ist im Kreuzviertel vernetzt. Wir sind seit langem mit einem  Stand auf dem jährlichen Kreuzviertelfest vertreten, um möglichst vielen Menschen im Stadtviertel das Backhaus näher zu bringen. Dem dienen auch die Zusammenarbeit mit der Kreuzviertelzeitung oder die Einladungen an die Nachbarn beim Neujahrsempfang.
 
Wir sind kein Mehrgenerationenhaus, sondern ein Haus für Senioren, das Senioren eine Heimat bieten will und weitgehend auf deren Bedürfnisse zugeschnitten ist, aber wir pflegen seit vielen Jahren vielfältige Kontakte zu allen Generationen und sind offen für alle, die Zusammenarbeit suchen. Wir begreifen uns als soziales Zentrum im Kreuzviertel.
                                            Hans Kurth